Von Alexander Fischbach

Aktuelle Lage

Aktuell breitet sich die Vogelgrippe in Deutschland mit erheblicher Dynamik aus: Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts wurden in den letzten Wochen bereits über 400.000 Nutztiere (Hühner, Enten, Gänse und Puten) vorsorglich gekeult – davon allein in zwei Betrieben in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern fast 150.000 Tiere. In mehreren Landkreisen Niedersachsens wie Cloppenburg, Vechta und Diepholz gilt inzwischen eine kreisweite Stallpflicht.
Diese Zahlen zeigen, dass das aktuelle Geschehen längst mehr ist als eine Naturerscheinung. Es ist ein Symptom struktureller Probleme im Geflügelsektor.


sind Wildvögel wirklich die Ursache?

Seit Jahren taucht die Vogelgrippe regelmäßig in den Schlagzeilen auf, meist begleitet von Bildern verendeter Wildvögel und Berichten über gekeulte Geflügelbestände. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt der Wildvogel als Hauptüberträger des Virus. Der Verein Wildtierschutz Deutschland e.V. hält diese Darstellung für verkürzt – und widerspricht deutlich.

Die Organisation, die sich bundesweit für den Schutz heimischer Wildtiere und gegen die Freizeitjagd einsetzt, sieht in der Vogelgrippe ein hausgemachtes Problem der industriellen Tierhaltung. Nach ihrer Auffassung seien Wildvögel nicht Verursacher, sondern Opfer einer Dynamik, die in den Ställen begann.


die Kernthese des Vereins: Entstehung im Stall

Wildtierschutz Deutschland argumentiert, dass die gefährlichen Varianten des Vogelgrippevirus (HPAI) aus weniger aggressiven Formen hervorgegangen seien, die in der intensiven Geflügelhaltung mutierten.
Hohe Tierdichten, Stress, genetische Einheitlichkeit und mangelhafte Biosicherheit begünstigten die Mutation – eine Einschätzung, die sich teilweise mit Berichten der Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH) deckt.

Anschließend gelangten Viren über Abfälle, Mist oder Transportwege in die Umwelt. Wildvögel infizierten sich dort sekundär – etwa auf Feldern, die mit Geflügelgülle behandelt wurden. Diese Tiere würden dann als „Beweis“ für Wildverbreitung herangezogen, obwohl sie nur Opfer einer bereits laufenden Epidemie seien.


Kritik an der offiziellen Darstellung

Besonders kritisch sieht der Verein das Monitoring durch das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das in Deutschland für Tierseuchen zuständig ist. Abschüsse und Zufallsfunde toter Wildvögel seien nicht repräsentativ, die Schlussfolgerung einer Wildvogelverbreitung daher fragwürdig.

Stattdessen fordert der Verein, den Fokus auf Biosicherheitslücken, Tiertransporte und industrielle Strukturen zu legen – dort, wo Virusübertragungen wahrscheinlicher seien. Auch Stallpflichten und großflächige Keulungen wertet er als tierschutzwidrige Symptombekämpfung.


Wissenschaftliche Einordnung

Offizielle Stellen und Forschungseinrichtungen widersprechen dieser Einschätzung teilweise. Das FLI, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) sehen Wildvögel durchaus als bedeutendes Virusreservoir.
Genetische Sequenzvergleiche zeigen, dass bestimmte Virusvarianten über Zugrouten hinweg verbreitet wurden – was für eine Rolle der Wildvögel spricht.

Allerdings regt sich auch in der wissenschaftlichen Diskussion Kritik an dieser Standarderklärung. So ist bisher nicht abschließend geklärt, wie weitreichend schwer erkrankte oder verendende Wildvögel tatsächlich zur Verbreitung beitragen können.
Bei den aktuellen Virusvarianten, die oft zu raschen Krankheitsverläufen und hohen Mortalitätsraten führen, stellt sich die berechtigte Frage, wie Tiere, die innerhalb weniger Stunden oder Tage nach der Infektion sterben, das Virus über Hunderte oder gar Tausende Kilometer verbreiten sollen.
Die EFSA selbst weist darauf hin:

„Many infected wild birds die rapidly after infection, which limits their ability to spread the virus over long distances.“
Zudem treten die Ausbrüche häufig in regionalen Clustern auf – etwa in Gebieten mit hoher Geflügeldichte oder entlang bestimmter Wirtschaftsrouten – was eher für eine lokale oder betriebsbezogene Übertragung als für ein flächendeckendes Wanderphänomen spricht.

Gleichzeitig bestätigen dieselben Behörden aber auch, dass gefährliche Virusformen häufig in Geflügelbetrieben entstehen und durch Handel weitergetragen werden. Die Realität liegt also zwischen beiden Extremen: Wildvögel und Geflügelbestände bilden ein ökologisches Wechselspiel, in dem sich Viren gegenseitig verstärken können.


Infektionsgeschehen komplexer als dargestellt

Dennoch zeigen neuere Analysen, dass die Ursachen der Vogelgrippe komplexer sind, als sie in der öffentlichen Diskussion oft dargestellt werden. Zwar lässt sich die Rolle der Wildvögel bei der Einschleppung des Virus kaum bestreiten, doch zunehmend weisen internationale Untersuchungen darauf hin, dass betriebliche Strukturen und Haltungsbedingungen maßgeblich beeinflussen, wie stark und wie häufig sich das Virus innerhalb von Geflügelpopulationen ausbreitet.


Forschung stützt Kritik an industriellen Strukturen

Auch internationale Quellen deuten darauf hin, dass Struktur und Intensität der Geflügelhaltung maßgeblich zum Ausbruchsgeschehen beitragen.
So führt die World Organisation for Animal Health (WOAH) in ihrem aktuellen Bericht aus:

„Several factors can contribute to the spread of avian influenza viruses, such as: Movement of infected birds – Farming and sale (live bird markets) – Wild birds and migratory routes.
Damit benennt die Organisation ausdrücklich die Geflügelwirtschaft selbst – Haltung, Handel und Transport – als wesentliche Faktoren der Virusausbreitung.

Auch das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bestätigt diese Beobachtung:

„This disease pattern of ‘highly pathogenic avian influenza’ (HPAI) occurs particularly in chicken and turkey flocks with very high loss rates and is therefore of great economic importance worldwide.“
Damit weist das FLI selbst darauf hin, dass gerade industrielle Großbestände das Hauptgeschehen tragen – und nicht die Wildfauna.

Eine aktuelle Fall-Kontroll-Studie aus Dänemark gelangt zu ähnlichen Ergebnissen: Betriebe mit hoher Geflügeldichte sowie bestimmten Management- und Standortfaktoren waren signifikant häufiger von hochanpathogener Aviärer Influenza betroffen – ein Befund, der die Argumentation von Wildtierschutz Deutschland e.V. stützt, wonach die Struktur der Geflügelhaltung selbst ein zentrales Risiko darstellt (Jensen et al., 2025

ein Zeichen für die Krise der Landwirtschaft



Die Diskussion um die Vogelgrippe berührt längst mehr als nur veterinärmedizinische Fragen. Sie führt mitten hinein in eine Auseinandersetzung über Landwirtschaftssysteme, Tierwohl und wirtschaftliche Strukturen.
Während Forschung und Behörden an besseren Biosicherheitsstrategien und Impfmethoden arbeiten, stellt sich gleichzeitig die Frage, wie nachhaltig ein Produktionssystem sein kann, das auf immer dichteren Beständen, globalen Transportketten und massiven Druck auf einheimische Landwirte aufbaut.
Die jüngsten Ausbrüche zeigen: Epidemien sind nicht nur biologische, sondern auch systemische Ereignisse – Spiegel einer Tierhaltung, die ihre ökologischen Grenzen erreicht hat.

Landwirtschaftliche Betriebe stehen seit Jahren unter wachsendem wirtschaftlichem und regulatorischem Druck. Durch EU-Auflagen, Umweltstandards, Freihandelsabkommen wie Mercosur und nationale Vorschriften wird die Produktion in Deutschland zunehmend kostspielig und komplex. Viele Landwirte sehen sich gezwungen, entweder zu expandieren – also größere Bestände zu halten – oder aufzugeben. Diese Entwicklung schafft genau jene Strukturen, die nun als Risiko für Tierwohl und Seuchenprävention gelten.


Damit rückt die Vogelgrippe auch in den Kontext gesellschaftlicher und politischer Verantwortung: Wenn hohe Auflagen, internationale Marktöffnung und Preisdruck kleine und mittlere Betriebe verdrängen, entstehen Großställe nicht aus Willkür, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Frage lautet also nicht nur, wie wir Tiere halten, sondern auch, unter welchen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen dies überhaupt möglich ist.


Quellen

– Wildtierschutz Deutschland e.V. – Vogelgrippe: Täter ist die Geflügelwirtschaft

– Friedrich-Loeffler-Institut – Informationen zur Aviären Influenza

– WOAH (2025) – High Pathogenicity Avian Influenza Report

– Bauzile et al. (2023). Impact of palmiped farm density on the resilience of the poultry sector to HPAI H5N8 in France. Veterinary Research 54.

– Yousefinaghani et al. (2021). A framework for the risk prediction of avian influenza occurrence. Scientific Reports 11.

– Jensen, H. A. et al. (2025). Risk factors for the incursion of highly pathogenic avian influenza into Danish poultry holdings – A case–control study. Preventive Veterinary Medicine 224, 106089. https://doi.org/10.1016/j.prevetmed.2025.106089

– EFSA (2024) – Avian Influenza Overview Report 2024.


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