*Von Concord nach Sils-Maria: Zwei Denker, die den Menschen zur Selbstwerdung rufen*
Alexander Fischbach
I. Drei Orte, zwei Horizonte

Concord, Massachusetts, um 1840: Ralph Waldo Emerson sitzt an einem schlichten Holztisch, das Fenster geöffnet zum Garten, die Luft erfüllt vom Duft der Birken. Hier, in einer Kleinstadt Neuenglands, wo die Wälder weit und die Horizonte offen sind, schreibt er: „Trust thyself: every heart vibrates to that iron string.“ Concord – das ist für Emerson nicht nur Heimat, sondern Sinnbild für einen Geist, der ins Offene drängt.

Naumburg an der Saale, gut 3.500 Meilen entfernt und zwei Jahrzehnte später: Hier wächst Friedrich Nietzsche auf, umgeben von der strengen Ordnung eines protestantischen Pfarrhauses und der kleinstädtischen Kultur des 19. Jahrhunderts. Die Horizonte sind enger, die Traditionen fester, die Bindung an Geschichte und Institutionen tief verankert.

Sils-Maria, Engadin, Sommer 1881: Nietzsche, längst entwurzelt, sitzt am Ufer des Silsersees. Über ihm das Hochgebirge, um ihn her die klare Luft, unter ihm ein Abgrund, der ins Wasser fällt. Hier notiert er in sein Notizbuch: „Werde, der du bist!“ Die Höhe und die Tiefe – sie sind bei Nietzsche nie weit voneinander entfernt.

Zwischen Concord, Naumburg und Sils-Maria spannt sich nicht nur ein Ozean, sondern auch eine geistige Klammer: der Weg vom geordneten Ursprung über die Erfahrung der Weite hin zur Forderung nach radikaler Selbstwerdung – und damit zum Herzstück beider Philosophien.

II. Zwischen Concord und Naumburg: Zwei Welten im Umbruch

Emerson schreibt in einem Amerika, das aus einem Unabhängigkeitskrieg geboren und im Bürgerkrieg geläutert wurde – eine Republik, die sich in den 1840er und 50er Jahren nach Westen ausdehnt. Der „Frontier“-Gedanke, die Besiedlung immer neuer Gebiete, fördert einen robusten Individualismus. Eigentum, Selbstversorgung, freiwillige Zusammenschlüsse – all das prägt das Selbstverständnis. Self-Reliance ist in diesem Klima keine exotische Idee, sondern fast eine kulturelle Selbstbeschreibung: Der Bürger als sein eigener Architekt.

Nietzsche dagegen denkt in einem Deutschland, das erst seit 1871 als Nationalstaat existiert – ebenfalls aus einem Krieg hervorgegangen, aber von einer ganz anderen Ordnung getragen. Die Reichsverfassung ruht auf alten europäischen Institutionen, der Kaiser ist Monarch, der Bundesrat von Fürsten geprägt, und manche deutschen Länder – wie Mecklenburg-Schwerin oder Mecklenburg-Strelitz – sind noch ständisch organisiert.

Während in den USA der Pioniergeist das Denken befeuert, ist in Deutschland die gesellschaftliche Ordnung stärker von Hierarchie, Verwaltung und Repräsentation bestimmt. Die Sozialdemokratie formiert sich als Gegenpol zu dieser Ordnung – nicht als Ruf nach radikaler Selbstverantwortung, sondern nach kollektivem Ausgleich und sozialer Sicherung.

Hinzu kommt: In den 1880ern steckt Deutschland eine Wirtschaftskrise weg. Expansion nach Übersee findet zwar statt – Kolonien in Afrika und der Südsee –, bleibt aber wirtschaftlich randständig und oft unglücklich organisiert. Im Vergleich zum amerikanischen Westen ist die deutsche Kolonialpolitik kein Motor für Selbstvertrauen, sondern ein Projekt staatlicher Repräsentation


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