Zum 75. Jubiläum von „1984“ bekommt der Klassiker endlich, was er immer brauchte: eine Triggerwarnung und moralpädagogische Einordnung durch eine sensible Literaturdozentin.
75 Jahre „1984“. Ein Jubiläum, das man feiern könnte – etwa als Mahnung gegen Überwachung, Meinungskontrolle und Zensur. Stattdessen bekommt Orwells Meisterwerk nun eine Triggerwarnung, weil sich eine moderne Literaturdozentin und ein ganzes Milieu, das Staat und Gesellschaft sowohl in Amerika als auch in Europa prägen, emotional überfordert fühlt – von einem Roman über Gedankenverbrechen. Ironie? Nein, Realität. Oder anders gesagt: ganz schön „1984“.
Orwell war ein Visionär – aber selbst er hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass ausgerechnet sein Roman mal eine Triggerwarnung bekommt, weil er nicht genug Diversity-Punkte sammelt. Genau damit demaskiert sich die links-akademische Bewegung für Gerechtigkeit, Wahrheit und Blick auf Minderheiten sowas von selbst, dass einem die Worte fehlen könnten.
Willkommen im Jahr 2025, wo eine Literaturdozentin und Schriftstellerin namens Dolen Perkins-Valdez uns endlich erklärt, warum 1984 eigentlich das Problem ist – und nicht der totalitäre Staat, von dem es handelt.

Diese Dozentin, offenbar beruflich damit beschäftigt, Klassiker nach „fehlenden“ Hautfarben zu durchforsten, stört sich daran, dass im Roman keine schwarzen Figuren auftauchen. Ach so! Orwell, 1949, post-Weltkrieg, britischer Autor – aber warum auch Kontext beachten, wenn man stattdessen mit der Identitätsschablone über jedes Werk drüberbügelt? Wäre ja noch schöner, wenn man literarisches Verständnis mitbrächte.
Und Winston – die tragische, gebrochene Hauptfigur – wird kurzerhand als problematisch abgestempelt. Warum? Weil er, O Graus, „fast keine Frauen mag“. Dass er schöne Frauen durchaus begehrt, es sich dabei aber meist um linientreue Parteisoldatinnen handelt, die ihn ans System erinnern und deshalb Abscheu auslösen – naja, das hat unsere Vorwortverfasserin beim hektischen Check nach intersektionaler Repräsentation wohl übersehen. Passiert halt, wenn man weniger liest als urteilt.
Aber der Gipfel der Groteske ist, was hier eigentlich passiert: Eine Literaturdozentin schreibt ein ideologisch vorgefiltertes Vorwort, das erklärt, warum das Buch, das man gleich lesen wird, irgendwie doch nicht ganz okay ist. Orwell wird von einer Moralinstanz posthum auf Linie gebracht. Gedankenverbrechen erkannt, Triggerwarnung erteilt, ab ins Bücherregal mit Maulkorb.
Mit anderen Worten: Man warnt vor einem Buch über Zensur, weil dessen Inhalte nicht zensiert genug sind. Wenn das nicht 1984 pur ist, was dann?
Also danke, Frau Perkins-Valdez. Danke, dass Sie Orwell gegen Orwell verteidigen. Danke, dass Sie aus Literatur ein Safe Space machen wollen. Und danke, dass Sie uns zeigen, wie geistiger Konformismus im akademischen Gewand aussieht. Was kommt als Nächstes? Kafka mit Content Note: „könnte bei Bürokratiegeschädigten Flashbacks auslösen“? Oder vielleicht Shakespeare neu editiert: Romeo darf nur dann Julia lieben, wenn er vorher ein Gender-Seminar besucht hat?
Was auch immer es ist – wir wissen jetzt: Die Partei schreibt nicht nur die Geschichte um. Sie schreibt auch die Vorworte.
Big Brother approves.
Dolen Perkins-Valdez ist eine US-amerikanische Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Professorin für Creative Writing an der American University in Washington, D.C. Sie studierte an der Harvard University und promovierte an der George Washington University. Ihr Schwerpunkt: Afroamerikanischer Literatur und Rassendarstellungen in der US-Geschichte.
Bekannt wurde sie mit ihrem Debütroman Wench (2010), der es auf die Bestsellerlisten schaffte und mehrfach ausgezeichnet wurde. Weitere Romane wie Balm (2015) und Take My Hand (2022) widmen sich ebenfalls afroamerikanischer Geschichte und Erfahrungen. Letzterer wurde u. a. mit dem NAACP Image Award ausgezeichnet.
Perkins-Valdez ist Vorsitzende des PEN/Faulkner Foundation Board und engagiert sich für Literaturförderung und kulturelle Teilhabe. Neben ihren Romanen verfasst sie Essays und literaturwissenschaftliche Beiträge. Sie schreibt regelmäßig Vorworte zu historischen Ausgaben – darunter auch zur 75-Jahr-Jubiläumsausgabe von George Orwells 1984, das sie unter heutigen Diversitätskriterien kritisch einordnet. Da kann man nur hoffen, dass andere Klassiker verschont bleiben.
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